IT-Chaos: Elektronischer Eltern-Kind-Pass wieder verschoben — Ärzte überrascht
IT-Chaos: Elektronischer Eltern-Kind-Pass wieder verschoben — Ärzte überrascht Der elektronische Eltern-Kind-Pass (EKP) wird erneut verschoben — statt Oktober 2026 nun erst Oktober 2027. Grund: IT-Synchronisierungsprobleme zwischen Ländern und Bund. Die Ärztekammer zeigt sich überrascht. Topics: Nachrichten, Gesundheit, Technologie.
Vor dem Hintergrund der allgemeinen Krise im österreichischen Gesundheitssystem, in der Patienten bis zu eineinhalb Jahre auf eine Operation warten, erlebt die Digitalisierung einen weiteren Rückschlag. Die Einführung des elektronischen Eltern-Kind-Passes (EKP) — des Nachfolgers des bekannten gelben Papierhefts (Mutter-Kind-Pass) — wird um ein weiteres Jahr verschoben. Statt wie geplant im Oktober 2026 soll das System nun erst im Oktober 2027 österreichweit starten. Der Grund: technische Schwierigkeiten bei der Synchronisierung der IT-Systeme zwischen den Bundesländern und dem Bund. Die Österreichische Ärztekammer zeigt sich von dieser Verzögerung «mehr als überrascht». Dieser Artikel fasst zusammen, was passiert ist, warum die Ärzte verärgert sind und wen die Verschiebung betrifft.
Was ist der Eltern-Kind-Pass und warum wird er digital?
Der Eltern-Kind-Pass (EKP) ist ein Vorsorgeprogramm für Schwangere, Säuglinge und Kinder bis zum fünften Lebensjahr. Bis Ende 2023 hiess er Mutter-Kind-Pass und war ein gelbes Papierheft, das jede Schwangere von ihrer Gynäkologin oder ihrem Gynäkologen erhielt. Darin werden Ultraschalluntersuchungen, Bluttests und Impfungen dokumentiert.
Die Digitalisierung soll den Datenaustausch zwischen Ärzten, Krankenhäusern und sozialen Diensten vereinfachen. Wie das Sozialministerium mitteilt, ermöglicht der elektronische Format eine automatische Zuweisung zu Frühe-Hilfen-Programmen und verhindert Datenverluste, die bei Papierheften immer wieder vorkommen.
Zweite Verschiebung innerhalb von 18 Monaten
Ursprünglich hätte die elektronische Version bereits Anfang 2026 starten sollen. Im Dezember 2025 wurde der Termin dann auf den 1. Oktober 2026 verschoben — offiziell wegen der «Komplexität des Projekts», wie das Parlament damals berichtete.
Nun folgt die zweite Verschiebung. Per Abänderungsantrag zum Budgetbegleitgesetz hat der Nationalrat beschlossen, die bundesweite Verpflichtung zur elektronischen Dokumentation auf den 1. Oktober 2027 zu verschieben. Die Daten von Kindern, die ab diesem Datum geboren werden, werden erst ab dem 1. März 2028 elektronisch gespeichert.
Das IT-Problem: Föderalismus als Bremse
Die Hauptursache für die Verzögerung liegt in der unterschiedlichen IT-Infrastruktur der neun Bundesländer. Jedes Land betreibt eigene elektronische Gesundheitssysteme — und deren Synchronisierung mit einer bundesweiten Plattform gestaltete sich weitaus schwieriger als angenommen.
Besonders gross waren die Probleme in Wien, Niederösterreich und Oberösterreich, wo die Schnittstellen zu den Krankenhausinformationssystemen fehlten, wie Der Standard berichtet.
Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker bezeichnete den ursprünglichen Plan als «Big-Bang-Szenario». Gegenüber der Krone warnte er, dass das Risiko des Scheiterns so hoch gewesen wäre, dass die Folgen vor allem «jene getroffen hätten, die sich nicht wehren können — Mütter und Kinder».

Reaktion der Ärztekammer: «Mehr als überraschend»
Die Österreichische Ärztekammer reagierte mit offenem Unverständnis. In einem der Kronen Zeitung vorliegenden Schreiben heisst es:
Die Vorgehensweise ist aus unserer Sicht mehr als überraschend. Der elektronische EKP sei ein richtiger und wichtiger Schritt, dem lange und zähe Verhandlungen vorausgegangen seien.
Die Ärzte betonen, dass sie die Digitalisierung grundsätzlich befürworten — aber das überraschende Vorgehen der Regierung das Vertrauen zwischen Politik und Ärzteschaft beschädige. Besonders irritierend sei, dass die IT-Probleme seit Monaten bekannt waren, die Ärztekammer jedoch nicht rechtzeitig in die Gespräche eingebunden wurde.
Die Wiener Kurienobfrau Naghme Kamaleyan-Schmied ergänzte, die Umsetzung sei «nicht ausreichend vorbereitet» gewesen. Statt einer Vereinfachung hätte auf die Ärzte eine Doppeldokumentation und ein bürokratisches Chaos gewartet.
Pilotprojekt in Kärnten
Trotz der bundesweiten Verschiebung wird das Projekt nicht komplett gestoppt. Der Nationalrat hat einen Feldversuch in Kärnten beschlossen, der von Oktober 2026 bis September 2027 läuft. In dieser sechsmonatigen Pilotphase soll das System unter Realbedingungen getestet werden.
Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) kann per Verordnung weitere Pilotregionen festlegen. Ein Steuerungsgremium im Gesundheitsministerium soll die Pilotphasen begleiten, evaluieren und die bundesweite Ausrollung steuern.
Wir können es uns nicht leisten, das Vertrauen in ein so wichtiges Projekt zu gefährden, weil es in der Praxis nicht verlässlich funktioniert.
— Ulrike Königsberger-Ludwig, SPÖ-Staatssekretärin
Die aktuellen Termine im Überblick
| Meilenstein | Ursprüngliches Datum | Neues Datum |
|---|---|---|
| Elektronische Erfassung von Schwangerschaften | Oktober 2026 | 1. Oktober 2027 |
| Elektronische Speicherung von Kinderdaten | 1. März 2027 | 1. März 2028 |
| Pilotprojekt Kärnten | — | Oktober 2026 – September 2027 |
Bis zu diesen Terminen bleibt die Papierform gültig. Schwangere erhalten weiterhin das gelbe Heft von ihrer Ärztin oder ihrem Arzt.
Häufig gestellte Fragen
Wann startet der elektronische Eltern-Kind-Pass endgültig? Laut aktuellem Fahrplan am 1. Oktober 2027 für Schwangerschaften, die nach diesem Datum festgestellt werden. Für Kinder gilt der 1. März 2028.
Können andere Bundesländer am Kärntner Pilotprojekt teilnehmen? Technisch ja. Bei Erfolg könnte das System früher ausgeweitet werden. Der verpflichtende Start bleibt jedoch der Oktober 2027.
Warum gibt es so viele Verzögerungen? Die neun Bundesländer betreiben unterschiedliche IT-Systeme im Gesundheitswesen. Deren Synchronisierung mit einer Bundesplattform erwies sich als viel komplexer als ursprünglich kalkuliert.
Was sollen Schwangere jetzt tun? Weiterhin den Papier-Eltern-Kind-Pass (gelbes Heft) verwenden. Alle Untersuchungen, Impfungen und Tests werden wie bisher dokumentiert — der digitale Pass ist noch nicht verpflichtend.
Ein Jahr Testbetrieb statt überstürzter Einführung
Die erneute Verschiebung des elektronischen Eltern-Kind-Passes ist ärgerlich für alle, die auf eine moderne digitale Gesundheitsverwaltung gehofft haben. Föderalismus, heterogene IT-Systeme und mangelnde Abstimmung zwischen den Ländern haben sich einmal mehr als Hindernisse erwiesen. Die Ärzteschaft ist enttäuscht, räumt aber ein: Ein überstürzter Start hätte den Patienten mehr geschadet als ein Jahr Wartezeit. Schwangere vertrauen vorerst weiter auf das gelbe Heft — und der Kärntner Feldversuch wird zeigen, ob Österreich bereit ist für die digitale Zukunft im Gesundheitswesen.
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